Irgendwann werde ich mir fest vornehmen auf Lesungen Gedichte vorzutragen. Ich, der Prosauer, der Gedichte nur dann hin und wieder formlos dahinrotzt, damit er nicht umkippt. Ich bin wie ein Linksfußballer, der ein rechtes Bein nur besitzt, um stehen zu können. Bis dahin wird eine Zeit vergehen, ich werde viel Cognac trinken und mir singende Schlagzeuger anhören, denn die haben Rhythmus, der mir fehlt.

Bis es soweit sein kann, braucht es viel Schule und Vorbilder: beispielsweise am 21. April 2006, einem Freitag, lade ich Lyrikerinnen in die Insel ein. Natürlich nicht irgendwelche. Unter dem Motto „Wetterlage wechselhaft“ ein Motto, welches für Hamburg geschrieben sein könnte, kommen die Naturlyrikerin fenestra und meine große Schwester Manina. Ob Lyrik zusätzlich Musik verträgt, fragt sich? Wir probieren es. Drei ganz ausgezeichnete Musiker geben sich an meine Hand. Heiko Hövekenmeier, der stets ein E-Piano mit sich führt und alles beherrscht was Tasten hat, Frau Amelie Meyer-Marcotty, eine große Sängerin, die viele Genres kennt und kann, eben auch Jazz und Easy Listening und einen Schlagwerker. Der Mann mit den Jazzbesen, der Herr Matthias Papenberg.

Das ganze soll nun koordiniert werden und von mir moderiert und ich frage mich, ob ich da nun mein Meisterstück mache. Die Aufregung ist im Vorfeld zwar da, aber gut erträglich, vorherrschend ist die Anstrengung. Ich muss sagen, dass ich im Rahmen dieser Veranstaltung gelernt habe, vor jedem Veranstalter komplexerer Ereignisse den Hut zu ziehen.

Ich bin um 17 Uhr auf der Insel. Annegret begrüßt mich und beruhigt mich, dass auch diesmal wieder der Rüdiger da ist. Ohne den guten Rüdiger hätte die Veranstaltung kein gutes Omen. Die Musiker kommen. Bestens gelaunt und mit großer Lust auf das Kommende. Das beruhigt mich, denn sie sind als Jazzintermezzo angekündigt und haben 2 Mal zehn Minuten Programm, was nicht üppig ist, aber so gedacht ist um das Zarte der Lyrik nicht zu erschlagen. Zudem wollen sie leise spielen. Der Soundcheck klingt verheißungsvoll. Kurz vor sieben dann bringt Madonna die große Schwester Manina vorbei um später wiederzukommen. Wir haben uns lange nicht gesehen, drum ist die Freude wirklich groß. Bald darauf kommt erstes Publikum. In der Inselumgebung tut sich Neugierde auf. Allmählich spricht sich rum, dass an diesem besonderen Ort auch immer wieder besondere Dinge passieren. Aus dem Forum treffen dann der Möhre ein und die Paula kommt auch. Auch Madonna kommt natürlich, wie immer. Letztlich gut rechtzeitig ist auch fenestra da. Alles bestens und ich merke jetzt bereits, es wird nichts mehr schief gehen. Die Insel ist voll, bis auf einen Platz der wohl höflichkeitshalber frei bleibt, ausverkauft.

Wie immer begrüßt Annegret das Publikum mit einleitenden Worten. Nicht immer mit gleichen Worten, mit Rücksicht auf das Stammpublikum, wie sie sagt. Dann meine erste Anmoderation mit noch etwas belegter Stimme. Ein wenig muss ja auch der komplizierte Ablauf des Abends erklärt werden. Die Musiker haben sich und mir eine tolle Bühne auf der kleinen Insel gebaut. Ich habe da echt Platz und den Textständer der Sängerin für mein Skript. Nebenan der ins Licht gerückte Tisch für die Hauptakteurinnen fenestra und Manina. Fenestra fängt forsch und sicher an. Ihre Vorstellung ist auch lautmalerisch geradezu perfekt. Ich bin beeindruckt und überlege mir das kurzfristig mit dem Vorlesen von Gedichten noch einmal anders. Manina hängt an ihre Lyrik auch ein „prosaisches Buch“, mit der Stimme, in die ich mich schon lange verliebt habe, an. Anschließend das erste Jazzintermezzo. Es funktioniert, es funktioniert wunderbar und obwohl ich nicht selbst unter den Musikern bin, bin ich jetzt ein wenig stolz. Pause und reichlich Snacks. Gespräche lachen und kennen lernen. Vor der Insel in der Insel. Manina und Paula muss ich gegenseitig persönlich vorstellen. Ich mache aber immer gerne das, worum man mich bittet.

Der zweite Teil die gleiche Reihenfolge der Protagonistinnen, aber durchaus eine emotionale Steigerung. Am Ende stehen wir wieder alle glücklich da mit den üblichen Blumen, die es traditionell zum Schluss gibt.
Ein kleiner Kreis der text-fuer-text Enthusiasten begibt sich zum nahe liegenden Italiener und lässt den Abend ausklingen. Manina, Madonna, fenestra, Möhre, Paula und ich und die Männer von Madonna und Manina, die durchaus angetan sind von uns. Ich bin echt kaputt, aber froh und danke der funktionierenden Truppe, obwohl die Musiker leider nicht mehr dabei sind. Termine und Arbeit und so weiter. Dolle Berufsauffassung das. Ich bin müde, aber noch nicht schlaftauglich, drum verpisse ich mich nach dem Abschied noch mit vielen Gedanken in die Nacht.
25. April 2006
Fotos: Matthias von Schramm
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