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Tinka

Café Monet (Ausschnitt)

Die Kellnerin im schwarzen Kleidchen mit weißer Schürze nimmt unsere Bestellung auf und knickst beinahe. An den Wänden hängen Monetdrucke. Ein Grund immer wieder hier her zu kommen. Monet könnte ich stundenlang ansehen. Seine Bilder haben nicht diese verstörende Kraft wie Bilder von zum Beispiel van Gogh. Sie haben eine beruhigende Kraft, ziehen einen hinein in einen Rausch von Farben.
Ich lehne mich zurück und schließe die Augen. Im Hintergrund malt Chopin Regentropfen. Durch halbgeöffnete Augen bemerke ich mal wieder, dass wir nicht wirklich hierher passen. Rechts neben uns sitzt eine elegante alte Dame, rührt mit abgespreiztem kleinen Finger in ihrem Tee und liest wahrscheinlich irgendein Kunstmagazin. Vor uns unterhalten sich zwei graue Herren lautstark über die österreichische Politik. Alles an ihnen sitzt, ist perfekt, nur die Lautstärke ihrer Stimmen durchschneidet das perfekte Bild, das sie abgeben. Ein paar jüngere Leute sind da. Leute, die meinen, dass sie zu der eleganten Intellektuellen-Elite gehören. Zwischen den roten Sesselbeinen spielen Hunde fangen. Lautlos, denn sie wahren im Gegensatz zu den beiden Herren den Schein der Eleganz.
Das Gefühl beobachtet zu werden ist gut. Zu wissen, dass man nicht hierhergehört, nicht hierher gehören sollte. Zu wissen, dass man misstrauisch beäugt wird, weil man ein Spion aus einer anderen Schicht sein könnte. Weil man so fremdartig aussieht. Weil man keinen Hut absetzte, als man hereinkam. Beinahe zwingend möchte ich stärker provozieren. Möchte die feinen Münder offenstehen sehen. Wenn ich schon in meinem Normalzustand als Provokation gesehen werde, wie würden sie mich ansehen, wenn ich wirklich etwas tun würde, was die Ablehnung rechtfertigte.
Chopin lässt Sterne regnen und ich beschließe brav zu bleiben. Ich will ihnen nicht die Illusion ihrer schönen Welt zerstören. Genauso wenig, wie ich die der Wackelomi zerstören will. Aber manchmal möchte man einfach reintreten in diese Glaswände, die so milchig und vergilbt sind, dass keiner hinein und keiner hinaus sehen kann. Manchmal möchte ich einen Stein hineinwerfen, möchte das schmerzende Klirren hören und den Aufschrei, wenn sie plötzlich das Tageslicht sehen. Möchte sie zwingen hinauszusehen. Möchte ihre aufgerissenen Augen sehen, wenn sie langsam beginnen zu begreifen.
Chopin. Wunderschöne Klavierstücke hat er geschrieben. Und wieder plätschern die Töne durch den mit Blindheit geschwängerten Raum, jagen einander, brüllen, weinen. Ein Klavier ist ein barbarisches Instrument, hat einmal eine Musikkoriphäe gesagt. Es gibt nur ein „pling-pling“ von sich, wenn man es berührt. Nur diejenigen die das Wesen der Musik wirklich verstanden haben, nur diejenigen, die Musik lieben, bleiben bei dem Klavier. Nicht wie Tante Agathe, die als kleines Kind Unterricht bekommen, diesen sobald wie möglich geschmissen hatte und nun, mit siebenundfünfzig, stolz den Flohwalzer vorklimpert. Nein, diejenigen die bei Klavier bleiben, diejenigen haben Musik verstanden. Diejenigen entlocken diesem barbarischen Instrument Töne. Entlocken ihm Musik. Das behauptet diese Musikkoriphäe. Ich finde es eine schöne Behauptung.
Helga wischt sich den Sahnebart von der Oberlippe und nickt mir aufmunternd zu. „Wollen wir wieder?“
„Ja, aber diesmal werde ich zahlen, das kann ich mir nämlich gerade noch leisten.“
„Okay.“


 
 

© Tinka

winter