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Hamburg zieht sich. Vornehmheit braucht eben seine Zeit. Ich kenne von Hamburg seit diesem Jahrtausend nur noch den Grüngürtel seiner Vorstädte. Hinter großen Bäumen liegen schöne große Häuser inmitten von weiten, sattgrünen Rasenflächen. Scheinbar unbelebte Gebäude zwischen tropfendem Blattwerk unter grauem Himmel, Papa ist beim Kohlescheffeln, Mama bei ihrer täglichen Restaurierung und die Kinder auf Elite-Internaten in der Schweiz. Aber dem genauen Blick enthüllt sich auch am frühen Vormittag ein reges Leben: Fischverkäufer prügeln sich mit Büscheln von geräuchertem Aal durchs Gesträuch, in gestreiften Hemden und braunen Lederschürzen, die typische Mütze auf dem typischen Kopf. Auch die gelegentlich hinter den Büschen lauernden Exhibitionisten tragen der Vornehmheit der Gegend Rechnung: sie zeigen bei ihren Entblößungen im Grüngürtel immer auch einen steifen Kragen und treten selbstverständlich im ordentlichen Trenchcoat zwischen den Bäumen hervor. Die Taxifahrer kommen von auswärts, sind korrekt wie die Buchhalter und fahren keinen Zentimeter Umweg. Sie klären mich gerne auf: Hamburg hat inzwischen ebensoviele Biergärten wie München. Daneben gibt es noch zahllose Studententheater, in denen von enthusiastischen Jungmimen mit der jeweiligen Kindheit des jeweiligen Regisseurs abgerechnet wird: ‚Meine Kindheit war total verregnet‚ Vater haßte mich und Mutter verschwand während der Flut von 19.. im Gully‘, und ausgezeichnete chinesische Restaurants. Was in Hamburg trocken ist: der dortige Humor. Saftig dagegen sind die Honorare der ansässigen Consultants, seitdem die Werften darniederliegen, hat das Beraterunwesen sprunghaft zugenommen. Ich beriet einen der Berater, auch dieser Menschenschlag lauert ja im Grüngürtel um Hamburg, übrigens dem klassischen Ort der früheren Wegelagerer, auf willige Kundschaft: Alte Bauernhöfe wurden umgebaut, unter den Reetdächern hocken jetzt diese exklusiven Dienstleister und schauen verdrossen zum tröpfelnden Himmel. Das Scheißwetter muß der nächste Klient bezahlen, soviel ist sicher. Im letzten Jahrhundert war ich ja auch im eigentlichen Hamburg zugange: alte Jugendstil-häuser voller Hochschullehrer, ein kleiner Teich mit Entchen ohne Abitur, ein türkisches Lebensmittelgeschäft, der Getränkehandel mit den Fachtrinkern im Halbdunkel, der große Flohmarkt mit seinem unmerklichen Übergang von der Warenpräsentation zum Mülldeponischen. Unverhofft begegnet man Hamburgerinnen, die man in urvordenklich glühenden Zeiten erkannte, auf den Inseln der Seligen. Gut genährt heute, sehr gepflegt natürlich, lange heraus aus dem Gröbsten, die Kinder auch schon groß. Die Zeit, sie entgleitet, flink wie die Eidechse in der Mittagssonne. Überall, auch im grüngrauen Hamburg. © Doderer |