Hochnebel in Wien oder Worpsweder Gespräche 2004

(Worpswede 2004)

„Wenn wir nächstes Jahr wieder die neue Energie haben, haun wir uns endlich wieder in die Goschn!“, sagt Wolf und Gang Montags Abend am Bahnhof Dammtor zu Hamburg. Er tut ein „Schnüff Schnüff“ hinterher, herzt Ariadna, Madonna und mich und verschwindet wieder im Nachtzug nach Wien. Wir sehen dem Zug nach, durchaus wehmütig, aber auch amüsiert angesichts des ereignisreichen Worpsweder Wochenendes, welches wie ein nachtbewegtes Farbfoto hinter uns liegt. Es war friedlich gewesen, es war nichts mit „Goschn haun“ in Worpswede und genau das hat auch der Wolf und Gang gemeint. Nicht das ich Trübsal blase, aber ich denke an die schönen Stunden mit Wolf und Gang in den Zügen, am Hafen, beim Frühstück bei Madonna und als „Haberer“ mitten unter uns allen. Dennoch, der Wolf, der zieht in die Wiener schlechte Laune und ihren Hochnebel zurück, bevor ich mich selbst vergrabe. Ein schnelles Bier und noch eins und ein Wein für Madonna, ein Cocktail für Ariadna am Bahnhof. Ich denke an die Tage zurück. An die Worpsweder Gespräche mit allen, an mein viertes Treffen dort, auch nach der Zeit als Mitglied oder vermeindlicher Gruppenhengst. Dieser Kelch ging vorüber und so habe ich ein Treffen mit Charme und Entspannung.


Freitag, 10 September 2004:

Morgenlicht am Dammtor, beinahe zeitgleich in verschiedenen Zügen treffen Ariadna – ein Augsburger Geburtstagskind und der Wiener Freund ein. Madonna und ich warten schon. Wir schreiten den Bahnsteig ab, wir passen auf und die beiden ab und nehmen sie in die Arme nordischer Kühle; erst die Ariadna, die ihren Geburtstag vergaß und dann den Burlibua. Wolf ergraut, aber dennoch jugendlich kompakt und schmal, freut sich mich zu sehen, als ich ihm entgegen eile. Fortan teilt er mit Ariadna spanische Sprachschätze, denen ich interessiert lausche. Stimmungsbilder gehen wie bei Hunden dem Klang gut nach. Die Stimmung ist fein. Wir frühstücken bei Madonna. Heinz, Madonnas Mann lernt jetzt einen Wiener kennen, einen weiteren Sprachverdreher – einer nach dem anderen im Haus, an mich scheint er schon gewöhnt und die Ariadna kennt er ja vom letzten Mal. Für sie ist ein Platz in Madonnas Smart reserviert. Nach dem der Hunger gestillt ist, die große Erwartung aber bleibt, breche ich mit Wolf zum Bahnhof auf. Per gleichtaktenden Metronom nach Bremen. Ariadna und Madonna folgen im Smart. Sonnenfluten über Hamburg, Wolf mir gegenüber. Unsere Gespräche über die gemeinsame und vereinzelte Vergangenheit bei Vier w finden jäh Unterbrechung in „Metronomjingles“, die an das Betriebssystem „Fenestra 2004“ beim Hochfahren erinnern.

Wir dürfen den Bus nach Worpswede mit unserem raffinierten Ticket benutzen. Die Sonne strahlt weiter für uns und das Wolf auf Kinderkarte fährt, ist nur ein Gerücht. Zwischen fetten Jugendlichen im engen Bus, der Wolf umschnallt mit Gitarre und Rucksack (ein Wiener Sängerknabe also), schwärmen wir nach unserer jahrelangen Sehnsucht zum Torf. Beim Schwärmen fahren wir eine Station zu weit, wandern am Ende des Dorfes über die Straße die nirgendwo hinführt und Treffen gegen Nachmittags um drei in der Jugendherberge ein. Im Flur asten Jan Leo und Pitnick irgendwas in unseren Gruppen- und Leseraum, den ich durch die Jahre gut kenne. Wir sitzen draußen, lassen den Moderator Pitnick – einen Mann mit einem erstaunlich kurzen Bart, der wie ein Fell sein Brillengesicht umspielt, und den Organisator von Worpswede Live XXL arbeiten. In der Sonne zwischen Schirmen, Wasserflaschen und Kaffee sitzt eine coole Lady. Sie stellt sich als Gastanmeldung vor und später konfrontiert mit ihrem Namensschild, auf dem sie ein Tippfehler als „Elek“ auszeichnet, hat sie einen Grund für einen künftigen Nick im vier w Forum. Ein paar Tage danach loggt sie sich im Netz ein und nennt sich „Elek...tra“. Sie mustert uns Webwesen erstaunt, ihre großen Augen fixieren die Szene und sie geht den umgekehrten Weg. Sie lernt uns erst real und dann virtuell kennen, vielleicht der schmerzärmere Gang. Eine Theorie für anregende Gitarrenabende, die in dieser Geschichte noch folgen sollen.

Bernd der Piist Leiwand das Spiel des Haberers Wolfgang

Zwei echte Kerle, gestandene Mannsleute folgen. Den einen - den Omar - den kenne ich und den anderen erkenne ich. Es ist Sneaky, eine schwäbisch behaarte Mickey Mouse, ein Mann zwischen Rock und Standesamt und wie ich, dem das Licht zu viel wird, mit getönter Brille. Omar herzt mich bäuchlings. Wolf spricht mit Elek...tra. Omar meint, ich hätte zugelegt, wäre jetzt ein Dicker geworden und was soll ich sagen: Er, der sich abgenommen anbietet ist eben ein Experte in diesen physischen Dingen. Die beiden Hübschen mit dem Smart sind auch bald da. Bernd kommt mit zwei Kameras – er forscht nach neuen Theorien und sieht aus wie immer. Beachtenswert ist auch Nikitas Eintreffen, so mit nicht brüskierter aber offener Brüstung. Sie hat einen schicken jungen Mann in schwarz im Schlepptau, der sich mit „Jati“ vorstellt. Corpus mit dem langen Gitarrenhals und die Medeia (Nofretete ähnlich) mit Tochter Johanna treffen gemeinsam ein. Der Musikus trägt ein Hemd mit den bunt idealisierenden Farben seiner weit im Osten liegenden Heimat. Ich werde mit Bernd und Corpus in ein Abstellgleis gepfercht – in ein Zimmer mit Musik und freue mich auch noch darüber. Die steigende Stimmung verspricht einen ausgelassen Abend enthemmter Literaten. Aber vorher freut mich noch besonders das Ankommen meiner großen Schwester Manina, der Frau mit der besonderen Romanstimme. Fenestra, unsere tft-Entdeckung freut sich auch mich wiederzusehen, aber voll.

Medeia und Corpus und Johanna Ein Zimmerfreund in Worpswede 2004 du ;)

Ich vermisse manches Gesicht, einige bleiben fern, weil sie ihre virtuellen Illusionen nicht verlieren wollen, manche kommen dieses Jahr nicht. Die Lage ist so, dass ich es grundlegend schade finde. Es wird Abend – dunkel und der Gitarrensound begleitet die verschiedenen Getränke. Ich beobachte Ariadnas und Wolfs Sprache durch die Nacht, wanke zwischen Kerzenlicht im Freien und Tanzfiguren des erschlankten Omar an Fenestra oder Nikitas Brüstung. Medeia trägt das blonde Kind im Rucksack, Madonna ist wie immer bei ihrer alten Freundin Mainia und der Bernd erweitert Weis- und Wahrheiten. Das Leben ist lehrreich und ROZO mal wieder auf den Weg nach Italien wie wir erfahren. Ich schlafe kurz.

Samstag, 11. September 2004:

MVS, Wolf und Sneaky Abendgitarre

Allein durchstreife ich das morgengraue Worpswede, kehre zum Frühstück wieder ein, treffe dort alle einigermaßen behalten. Mit einem kleinen Kreis gewogener kämpfe ich gegen Windmühlenflügel. Bevor sie auf uns niederblättert – es sei gesagt, die Mühle ist etwas baufällig – erstaunt uns Bernd mit dem Piismus. Er sagt: „Der höchste Gott ist die Zahl Pi!“ Genaueres muss ihn persönlich gefragt werden. Eine Führung durch Worpswede steht an, aber der entsprechende Künstler ist nicht abkömmlich. Jans Mutter muss aushelfen, derweil gründen die Vier Wler endlich ihren Verein. Wir schweifen durch die Straßen, wir Nichtvereinler, wir amüsieren uns und das Wetter ist wieder gut. Wir sehen gar einen Gnom, der parteilos von Plakaten schmitzt. Nach dem Mittag folgt die Lesung.

Verstärkt werden wir von JottBe, vielen als Harry Hoekstra bekannt. Pitnick hat den alten Raum mit lockerer Sitzordnung und neuen Blumen bestückt. Lässig vor dem Moderatorentisch stehend beginnt er die Veranstaltung, lässt Corpus viel Gitarre spielen und auch dazu singen. Ariadna darf dann mit Lesen beginnen, stimmlich angegriffen, aber auch so wie immer beeindruckend. Wolf und ich sind an Bier und Literatur interessiert. Digitale Silberlinge fotografieren alles; ich halte fleißig dagegen. Nikita kämpft erfolgreich gegen große Nervosität. Madonna spricht gegen kleine Schrift aus Pitnicks Aufzeichnungen an. Ich gehe mit Bier nach vorne und bade dankend im Applaus. Jan bemüht sich dieses Jahr wieder eindeutig um etwas Ernsthaftigkeit. Die Gitarre erklingt zwischendurch immer wieder. Medeia und Corpus sind ein eingespieltes Team du. Fenstra ist unterwegs und kann leider der Lesung nicht beiwohnen – ich hätte sie so gerne gehört, sie war ein paar Wochen vorher in Osnabrück geradezu brillant. Bernds Lebenseinblicke heben die Stimmung erneut, wunderbar auch den „Haberer“ Wolf zu hören, spanisch die Gitarre und gar nicht uroasch.

Mittlerweile hat sich Clara zu uns gesellt. Ich muss über sie weg fotografieren, weil sie direkt vor mir sitzt. So wandere ich für Bilder madonnengleich durch den Saal. Omar liest aus dem zierlichen Laptop Jans. Manina bietet wie immer wunderbare Melodien an – stimmlich. Auch JottBe darf lesen, er hat den zweiten Preis dieses Jahr in Schwerin gewonnen und das ist ein guter Grund. Clara schließt mit Zwischentönen außerhalb des Textes. Anschließend müssen wir immer zum Italiener. Das ist nicht sehr kommunikationsfördernd, aber Hunger habe ich ja fast immer. JottBe geht vorher und bleibt schlank. Clara anschließend.

JottBe liest (Harry Hoekstra) Omar hinter Jans zierlichem Laptop

Ein zweiter ausgelassener Abend folgt. Fenestra singt laut zur Gitarre, Omar boingst mit Nikita und ich koste Fenestras Haar. Der Wein ist süß.

Sonntag, 12. September 2004:

Der alljährliche Sonntag der Auflösung. Wir haben es überlebt, ohne Stechen und Hauen, ohne das Verhalten eines „Vollkoffers“, wie der Wiener den Deppen benennt. Noch ein paar sammelnde Worte zur Forenpolitik, geleitet von Omar. Ich habe ein Stück Glück, dass Nikita und Jati mich nach Hamburg mitnehmen. Denn der Wolf bleibt noch eine Nacht bei Jan in Worpswede und alleine Bus und Zug fahren is net leiwand. Abschiedsbahnhof, Gespräche auf der Autorückbank mit Nikita und Jati. Bei der Horner Rennbahn darf ich aussteigen.

Madonnas Lesung Lesung und Singung von Wolf

Montag, 13. September 2004:

Vormittags der Anruf des euphorischen Jan, der gerade den Wolf in den Metronom gesetzt hat. Jans Begeisterung macht mich wach und ich treffe am Hauptbahnhof unseren Wolf wieder. Dort verdiene ich bei einer alten Dame fünf Euro fürs Koffertragen und erfahre von einer Schlägerei im Metronom. Wolf kann erfreut davon berichten; schön dass einem aus dem rauflustigen Wiener Volk ein wenig nordische Rustikalität geboten werden kann. Und wir haben noch mehr davon: den Hafen, nachgeahmte Seeleute und ein Holsten von meinem selbstverdienten Geld. Wolf findet den alten Elbtunnel mit seinen riesigen Automobilfahrstühlen toll, ebenso wie die schlechten Plakatzeichnungen auf der Reeperbahn von Tänzerinnen. Aber er ist erstaunt, dass der Kiez auch Musikclubs bietet.

Worpswede 2004 im Nachtschein ;)

Bei Madonna gibt es ein Essen mit kolumbianischen Einschlag – dieses hat Ariadna eingebracht, die sich mit frisch gewaschenen Haaren freut uns als Gäste zu haben. Heinz, der Mann von Madonna beobachtet uns wieder staunend. Wir kämpfen uns durch die Fotos des Worpsweder Wochenendes, plaudern schon mit dem Gefühl des Rückblicks. Abends bringen wir Wolf zum Bahnhof zurück.



Dienstag folgt ihm Ariadna – aber nur bis Augsburg. Mit einem kleinen Umtrunk lassen Madonna und ich, die zurückgebliebenen Hamburger - die letzten Tage an uns vorüberziehen. Zur gleichen Zeit ist in Wien bestimmt wieder Hochnebel.


16. September 2004

Fotos: MVS

Ebenso nachzulesen als MVS Kolumne hier

 

 

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