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„Endlich!“, denke ich. Ein Gedanke, der sich felsenfest in meinem Kopf absetzt, fest ist und einmalig. Stimmlich schwer angeschlagen, gesundheitlich sowieso, aufgeregt ohnehin gibt es nur diesen einen Gedanken. Und ich soll Live moderieren wie sagt da die Jugendsprache?: „Das geht ja gar nicht!“ Natürlich geht es nicht, also muss es gehen. Morgens um 11 Uhr ich also gestiefelt und gespornt am
Freitag, den 17. Oktober 2003:
bei Madonna vor der Tür, die ebenso bereit ist und startklar der Smart in Hamburg Eppendorf. Der Himmel überstrahlt die notwendige Aufregung.
 
Wir reden unterm Wagendach in der Autobahnsonne, erinnern uns an eine verregnete Fahrt 2002 zum gleichen Ort und nehmen zeitweilig melancholisch wahr, dass sich alles ändert. Wie Käthe und Jonathan nehmen wir das Niedersächsische auf, die Häusernerven Madonnas starken Bezug zum Oldenburgischen, wo sie herstammt. Dann kurz vor eins ruft mich Silke an und fragt mich nach Bettwäsche. In der Jugendherberge sei alles vorhanden, beruhige ich sie, sage, dass wir gleich in Worpswede eintreffen und gebe ihr Madonnas Empfehlung für ein weiches Kopfkissen mit. Ich überlege, ob ich Schnäuzen soll, da ist Robert am Telefon, dass er einen Zug zu spät kommt um Clara zu treffen und ihre Nummer nicht hat und das er das gut beschissen findet. „Ist es wohl!“, denke ich, habe Claras Nummer auch nicht und glaube aber an die Selbstständigkeit der Anreisenden. Immer noch keine Wolke am Himmel, etwas diesig, es regnet Herbst von den Bäumen und der goldene Oktober etabliert sich für uns und unsere Veranstaltung.
 
Der Organisator Jan ruft an, er wäre nicht vor Ort, käme aber bald, da wäre halt das eine oder andere, eben auch ein heimatliches Mittagessen dazwischen gekommen. Ich bitte ihn, an die Programmhefte zu denken, er betont mit rührender Entschuldigung in der beschäftigten Stimme, dass das Akku in seinem modernen Handy kaputt sei. Außer telefonieren, kann ich also noch auf dem Parkplatz vor der Herberge auf Jans Ankunft warten, der hier Zeit so managet wie mensch es auf dem Lande eben tut: Mensch hat grundsätzlich keine Zeit und wenige Leute sind vor Ort. Schließlich trifft er doch ein mit Equipment, neuer Frisur und geiler sinnloser Brille. Wir tragen uns in die Herberge, beziehen das Hauptquartier, in das wir auch ROZO, den späten Robert eingeladen haben (der aber ja noch unterwegs ist) und auch Madonna findet sich freundlich Äpfel verteilend und essend ein.
Der Aufnahmeraum ist noch nicht frei aber noch verdreckt, wir wollen uns aber schleunigst auf ihn werfen, so ist es ein anstrengendes Ankommen. Wir bauen auf, erfinden neue technische Probleme, finden vorrübergehende Lösungen um erneute Schwierigkeiten zu entwickeln.
Dann ist auf einmal die Anna auf dem Parkplatz, mit röstfrischen Haaren, einem Blick der mich atemlos macht und der Lust mit uns spazieren zu gehen. Um fünf soll ja noch eine Reporterin kommen, den Jan und mich interviewen, bis dahin sind wir aber zurück vom vielen Luft holen. Noch keiner unserer restlichen Leute ist da, wir sind irritiert und meinen das war früher anders. Aber das ist es ja: Worpswede-Live-2003 hat was einzigartiges. Und ich bin so freudig gespannt auf die vielen neuen Gesichter, die alles neu machen werden während wir das Alte nicht vergessen. Gerade als wir mit der Reporterin sprechen Jan über Visionen, ich über Literatur treffen die ersten ein. Durch eine Scheibe nach außen sehen wir das erste Team, eine Ostfahrgemeinschaft bestehend aus Angelika, ich glaube nicht mit Hut, der ihr letztes Jahr an körperlicher Größe Zuwachs gab, einem Lulatsch mit Brille, schmal wie der Normalverbraucher in der Wirtschaftskrise, dies muss der sg der Mario aus Berlin sein, der unserem Webdesign auf die Sprünge helfen soll. Hintendran ein sehr kurzhaariger, nett und behaglich lächelnder junger Mann um die achtundzwanzig, den ich nie für Toma gehalten hätte, aber genau dieser ist es. Jan und ich beenden flugs das Interview.

Die Bilder überschneiden sich, wir machen kurze Aufnahmeprobe für die Aufzeichnung der Lesung, ich gehe vor die Tür und plötzlich stehen sie alle da. Die Antje aus Sachsen habe ich zuvor noch im Flur umärmelt, wie sie sich ausdrückt. Der Schatz ist da, aber nicht gleich erreichbar rechts erkennt mich Mario vorlaut, weil das so ist. Eine langhaarige junge Frau mit weißen schwer lesbaren Gesichtszügen und intelligenten Augen sagt, dass sie die Ariadna ist. Wir schütteln halt mal die Hände, irgendwie suchen wir beide wohl, was hinter uns steckt. Eine große fröhliche Frau mit runder Brille ist die Christina. Ich sage „Halloooo!“, was allen auffällt, aber ein Livemoderator darf bei seinen Schäfchen nicht immer an sich halten. Schatz die Verena aus dem Österreichischen behauptet, dass sie etwas kränkelt. Blass erscheint sie mir schon, dennoch gut unterhalten über die Fahrt mit der Katarina (Ariadna) und der Christina. Dem Clan hat sich ein stiller Künstler angeschlossen, ein Freund der geheimnisvollen Ariadna, der ab sofort die Rolle des hintergründigen Beobachters einnimmt.
Die Zeit verrinnt, das erste Abendessen droht der Bernd sitzt plötzlich mit am Tisch und auch die Bess, die große Schwester des MVS ist da und beherzt mich vollständig. Beim umarmen muss ich immer aufpassen, dass ich ihr nicht an den beeindruckenden Rapunzelhaaren ziepe. Ich mache es eh nur unabsichtlich und fahre mit der Bemühung um sympathische Ungeschicklichkeit mit Jan zu Aldi um Saufzeug zu besorgen. Kurz vor Ladenschluss rolle ich mich wie ein schlankes, geschmeidiges Stuntgirl aus der Wagentür und breche mir dabei beinahe alle Knochen.
Clara ist auch da, als wir zurück kehren, die etwas norddeutsch vergrätzt auf Robert ist, der dann aber sogleich erscheint, wie ein Wanderer zwischen allen Stühlen daherkommt und ein großes Empfangshallo erhält.
Eine SMS von der Trist der Silke aus Osnabrück ohne Bettwäsche, dass wir Bier kalt stellen dürfen. Es wurde aber nur Wein gekauft, denn es ist zuweilen zum weinen schön. Als die große blonde Osnabrückerin tatsächlich da ist, umarme ich sie und bemerke, dass sie seit unserem letzten Treffen wohl ihren einmal im Jahr angeraumten Friseurbesuch hinter sich hat. Ich suche ihr die Bettwäsche aus den Sammelcontainern raus und versuche im Gesicht eines Menschen zu lesen, der zu mir brüderliche Züge aufweist. Es ist der Corpusetmusica, der zwischenzeitliche Zusammenhänge mit Satzpunkten und kommalosigkeit pädagogisch geschult erklärt. Dieser Mensch ist wichtig für unser Programm, denn er ist der Musiker, der Lautenschläger, der Lausitzer unter den Minnesängern mit dem Hang zu Minimalismusantworten.

Wir feiern das Dasein mit Liedgut, Wein, Kuchen von Madonna und lecker Knabberquatsch. Irgendwann entdecke ich Lolly, die immer erwachsener wird, ihren Kornelis mit hat, einen aufgeweckten Knaben mit moderner Stachelfrisur. Spät im dunkel über den Mooren erscheint der schwarz gekleidete Melvin mit blonder Freundin und einem freundlich südlichen Einschlag in der Stimme. Er sorgt für Glutaugen bei meinen Freundinnen, die ich mir an diesem Abend heiter zulege. Ich küsse diese aber, den Schatz sowieso andauernd, die Christina aber sogar vor der Kamera und die Lolly vor Kornelis.
„Das ist bei uns so!“, sagt Lolly zu ihrem Liebhaber und Kumpel und ich frage mich ob das wirklich so ist, hinterfrage es aber nicht, da ich merke, dass der Abend lang wird. Zu lang für einen, der noch moderieren soll am nächsten Tag.
Die Nacht wird kurz und am
Samstag, den 18. Oktober 2003:
erwache ich mit rauer Stimme, viel zu männlich für mich, entgleist und verloren. Robert sehe ich auch wieder, Jan sammelt sich mühevoll. Robert liegt im ungemachten Bett ohne Bezug, frühstückt mit uns und flieht unbemerkt. Wir sehen uns an und um, und checken es zunächst gar nicht. Wir gehen recht sorglos auf die Führung eines Malers durch Teile von Worpswede, der Kirche eingeschlossen. Es sind nur die dabei, die dabei sind, die anderen schlafen aus und schaffen sich natürlich eine viel bessere Basis für die Lesung.
Ich falle in tiefumständliche und locker skripthafte Unterhaltungen vor allem mit Mario, dem Informatiker und Heiko, dem Musikkörper. Wir reden über Kühe, ich lutsche Bonbons, aber meine Stimme wird nicht besser. Zurückgekehrt begrüßen uns die Ausgeruhten mit froher Munterkeit und Silke gibt mir rettende logopädische Tipps für mein Sprachorgan.
Ich summe vor mich hin, rufe dabei wohl in den Wald, hoffe auf die Rückkehr des verlorenen Roberts und merke wie mir vor der Lesung der Schweiß auf der Stirn steht. Ich denke an die Treffen mit Robert in Schwerin und Hamburg, an die Gespräche und sehe ihn durch Wälder wandern, nach Poesie forschen und das Weite in der Nähe zu suchen.
Das Publikum versammelt sich in unserem Raum. Es sind die Leute von gestern Abend, ein paar wenige Zuschauer dabei und auch die Mandy, meine Freundin ist extra gekommen. Trotzdem bringe ich nicht einen vernünftigen Satz fehlerlos raus. Ich hopple bis zum Vorwort, trage es mit dem ersten Anflug von Erleichterung vor und bitte die erste Leserin, die Christina in das Bühnenbild mit ihrem farbigen Pullover, der mich neben ihr Lächeln lässt. Sie will entschwinden, ich halte sie mit Blicken fest, ebenso geht es der Anna. Dazwischen Melvin, den ich liebevoll als Nichtsnutz anmoderiere und der es mir heimzahlt mit einem Vortrag, der Gänsehaut verursacht.
Ich vermisse Omar, ich denke an Wolfgang, der sich letztes Jahr so freute hier zu sein und höre mit Jan in die bisherige Aufnahme hinein. Insbesondere sind wir neugierig, wie sich der Minnesänger machte, der ja als Musikhöhepunkt für das Ende erneut geplant ist. Seine Minne, die er dann auch noch etwas abmildert erinnert mich an die Wiederauferstehung des Singer-Songwriter Zeitalters.
Ich lasse Jonathan von Worpswede erzählen, damit ich mich nicht erneut verhasple und es geht auch schon wieder besser. Silke steht stimmlich wie eine eins, beruhigt sich aber nur schwer, obwohl ich doch neben ihr sitze. Jan springt vom Aufnahmegerät zum Vortrag, reimt nicht und sucht dazwischen irgendwo seine Figur Lachmann. Manina, der Bess aus dem Neanderthal verpasse ich gerne Vorschußlorbeeren, die sie verträgt und erfüllt. Noch ist alles gut und der Anfang war gemacht, wenn auch bescheiden. Ich sehe aus dem Fenster, sehe in die Augen der Leute, bekomme liebe Reaktionen.
Ariadna hat eine tiefe frauliche Stimme, ihr Vortrag gibt mir weiter Ruhe. Der Besen aus Potsdam hat abgesagt, dafür gibt es ein plattdeutsches Gedicht von Anna, welches von Clara gesprochen wird. Angelika und Bernd bilden anschließend ein Duo, was wohlbekannt auch letztes Jahr gut funktioniert hat. Bernd dabei mit Musik aus der Reserve, ich an seiner Videokamera für seinen Leseteil. Viel Vokale und Vokabeln seiner Art, kein dada, weil nicht politisch motiviert, sagt er, aber für das Publikum eine Situation zum frei rauslachen. Das befreit bekannter Maßen.
Im letzten Block bietet uns die Antje Erotisches von dem wir uns kurz erholen wollen. Dann kommt die Stelle an der Robert gelesen hätte. Schweigen für einen Moment, aber schließlich Madonna die auch eine Widmung für Bernd übrig hat.
Heiko glänzt zum Schluss mit der Gitarre. Die Lesung ist vorbei und ich doch noch glücklich. Der Schweiß beginnt zu trocknen und von mir getrieben sammeln wir uns draußen zum Gruppenbild, welches Mario fertigt. Die Stimmung ist ausgelassen, dann müde und ich versinke in den schönen Bildern mit diesen wunderbaren Menschen um mich herum, die ich beim Italiener im Ort und spät am Abend wiedertreffe. Alles so seltsam anders wie sonst: Wieder denke ich an Omar, Wolfgang und auch die anderen daheimgebliebenen und nicht wiedergekehrten und wo ist Robert?
Es ist
Sonntag, der 19. September 2003:
als ich von Madonna heimgefahren werde nach der Verabschiedung von den ganzen Leuten, die schon Freunde waren oder es jetzt geworden sind. Die Vorfreude war lange und letztlich blicken wir immer in eine ungewisse Zukunft.
(für alle Mitwirkenden)
22. Oktober 2003
Fotos: Mario Pehle
Worpswede - Live 2003 - Die Galerie
Ebenso nachzulesen als MVS Kolumne hier
Reisetagebuch Worpswede 2002 hier
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