Heinz Rudolf Kunzes Rückenwind 1 (Bremen - Dresden)

2003

Reisetagebuch HRK 2003

Rückenwind 1

Auf dem Weg nach Dresden endlich Berlin so erlebt, wie es zugerlebbar ist, nämlich nicht dunkel sondern hell. Wie ein untergehendes Pils am Horizont und mit Hungerloch im Reisebauch. Letztes Jahr auf der „Wassertour“ des HRK nach Dresden noch durchs dunkle Berlin gereist. „Det is ja nischt.“ Jetzt halten wir in Berlin Schönefeld Flughafen, dann sind wir durch die erwachte Baustelle durch, durch das Wohnzimmer Deutschlands. Wir stellen uns einmal kurz vor:

Wir sind Annette, meine Frau, Kunzefan der ersten Stunde und ich, ebenso einer, der bibbernd suchende Dichteradministrator der Gruppe 4w, Matthias von Schramm. Nach unserem ersten Konzert von Rückenwind 2003, so die aktuelle Tour, mussten noch weitere Eindrücke aufgenommen werden. Dieses fand in Bremen im Aladin statt. Nach dem unvergleichlichen Abschlussevent der „Wassertour“ in der Semperoper zu Dresden, muss auch dieses Jahr nun denn also Dresden erneut Station sein. Wieder werden wir in der Boofe bei Dalino nächtigen, wenn auch nur im Mehrbettzimmer, aber ist egal, alles musste spontan in die Wege auf denen wir uns nun befinden, geleitet werden.

Die Rocktournee Rückenwind 2003 in neuer Besetzung findet auch unsere Zustimmung, heillos unterstütze ich gedankenvertieft meinen alten Ego Heinz, für den ich nach Bremen sogar den offiziellen Tourbericht auf heinzrudolfkunze.de schreiben durfte. Gerald Erdmann sei dank. Hier im Zug mit eigenem Wickeltisch für das Notebook, denn wir sind im Mutter/Kindwagen lässt sich die Geschichte gut angehen. Denn das Abteil ist zu unserem großen Glück und meiner unbändigen Freude von Mutter und Kind verwaist. Das Sonnenpils geht unter und dennoch reflektiere ich bereitwillig die Atmosphäre nach vom Rock’n Roll Abend 2003 in Bremen am 1. Mai.

Zuvor bei Heinz in der Garderobe, dort sich den Zeiten der aktuellen Plattenindustrie und seiner Superstarauswirkungen im jugendlichen Zorn gewidmet. Heinz die Worte ausgewogen schwenkend, wie der Branchenkenner ein Weinglas und uns mit einem Ausdruck befreiender Dankbarkeit, welche mir jegliche Aufregung nahm, wegen großer Fantreue gelobt. Weitere Inhalte des Gesprächs fallen unter: Privat- Geschlossen! Würde ich hier doch ansonsten manchem Glossenschreiber eine Vorlage für schwachbrüstiges Gerüchte köcheln liefern. Das Konzert selber, nach dem wir schon den neuen hanseatisch jungen, aber musikalisch tiefen Bassmann kennen lernten - einen Knaben aus Hamburg – war wie eh und je eine Verfestigung von gekonnt beschriebenen Sprachirrtümern in Musik. Vom Gitarrenknall, bis zum Killroy in der Dienstmaske von Zorro.

Impressionen aus Bremen

Morgen das Ganze also erneut, mit dem Geruch vom Schlachthof in Dresden. Annette sagt, in diesem Veranstaltungsort riecht es noch nach Tierblut. „Da müssen wir durch und das kann auch gelingen!“ Dieses HRK Zitat an dieser Stelle bot sich einfach an.

Vom Rock’n Roll zurück zum Reisen mit dem Intercity im Wickelabteil und folgerichtig zu den Eindrücken, der sich formierenden Wolkenbildungen. Vor Berlin bog sich eine Art Schnitzel vor die Sonne, je mehr es Berlin wurde bekam es mehr die Form einer Rollpizza, einer massigen von einem Türken mit gewaltigem Schnauzbart gefertigt, von so einem der durchaus etwas von seinem Fach versteht. Danach flockte es, wurde es unwirsch auf der Telleroberfläche und viel Rührei und ein paar Bratkartoffeln mit zu schwach angeschwitzten Zwiebeln gesellten sich dazu. Jetzt wo die Sonne untergegangen ist, da sind es nur noch die Schatten die ein Abendrot und Abendbrot von ergreifender, vielleicht auch lukullischer Schönheit abdecken.

Nach dem Konzert morgen geht es wieder nach Berlin zurück im übrigen. Dort ist dann auch Heinz und seine Band und der Gerald und Bremer Erinnerungen.

Nach dem 1. Mai - Konzert ging es in der Hotelbar um den profanen Austausch Weltreisender, von Bad Salzuflen über GM Hütte und Merzig. Menschliches wie Du und ich, aber auch müde und hungrige Musiker.

Hungrig sind nun nur noch wir, es ist jetzt 20:56 Uhr und gegen Zehn wird der Zug in Dresden Neustadt seinen Endbahnhof finden. Hoffentlich gibt es da noch was adäquates für den Reisemagen. Letztes Jahr hatte Annette während der Fahrt fortwährend von Blumenkohl und Kartoffeln geredet. Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Dieses Jahr spricht sie von Broccoli. Nicht nur der Himmel, auch die Gemüse wechseln mit der Zeit ihre Farbe.

Im Zug zwischen Berlin und Dresden: 13.05.2003 20:59:51


Rückenwind 2


Der Himmel bedeckt Dresden, ein Feld von grauem Mohn als Schattendecke. Bin sogar halbwegs ausgeschlafen. Die Stockbetten in der neuen Boofe, Danilos Hostel, erinnern an die weinselig auffangenden Schlafstätten in der Jugendherberge zu Worpswede. Damals in einem Zimmer mit Michael Langhans, Jan Leo und Wolfgang: das konspirative Zimmer. Hier im vierten Stock unter der Schattendecke dieser Stadt Annette und ich mit einem dicken Belgier, der etwas riecht und schnarcht, aber ansonsten ruhig ist.

Danilo hat uns gestern nach unserer Ankunft freundlich begrüßt, anschließend telefonierender Weise bedient und reichlich bewirtet. Broccolicremesuppe war vorweg, danach ein sächsischer Auflauf und ein paar Feldschlößchen.

Zum Schlachthof geht’s hier zu Fuß, sagt Danilo. Ein paar Meter nur zum Soundcheck der Verstärkung, falls wir der Begleitband Kunzes lauschen wollen. Ich sitze jetzt in so einer Teeküche, welche zum Glück leer ist. Gesammelter Sperrmüllschick, eine Eckbank mit einem Bezug aus den 70ern und ein Fernseher mit Stummelantenne. Ab und zu schaut ein Rucksacktourist durch die Tür und fragt sich, was dieser Dichtertouri mit dem aufgeklappten Kasten da macht. Für uns gibt’s nachher Frühstück unten. Ich glaube das ist auch ganz annehmbar, wenn ich mich ans letzte Jahr erinnere. Ein Blick nach draußen in die Hechtstraße (für Ortskundige):

Ein renovierungsbedürftiges Haus zwischen renovierten Häusern, eine enge Schlucht nach unten. Zahmes sandgelb auf den aufgemöbelten Fassaden, auf den unbearbeiteten das schattengrau des Himmels. Zwischendurch glänzt ein roter von feuchtem Wetter polierter Schindel, ebenso wie die Milchkaffeewolken, die federleicht unter den Schatten schweben und aufreißen und ein wenig blau lugt hervor. Der Himmel allerdings selber erinnert mich nicht ans Essen.

Im Hintergrund ist Ruhe im Karton, der erste Schwung junger Menschen die den Belgier vielleicht in der sächsischen Schweiz beim Wandern begleiten wollen, ist vorüber. Wenn du von der Stadt etwas haben willst, dann musst du in sie hinein. Das war in Bremen vor knapp zwei Wochen natürlich anders. Gerald, Annette und ich trieben auf diesen Kasten Aladin zu im geliehenen Mittelklassewagen. Die LKWs sonstwo versteckt, der Tourbus nicht zu sehen, die Tour 2003 nicht plakatiert. Beruhigenderweise haben wir hier Plakate am gestrigen Abend gesehen, die das Schlachthofkonzert ankündigen. Auf dem 10minütigen Weg hierher im Tunnel unter den Bahnschienen.

Wir gingen damals nur zum Konzert wieder ins Aladin zurück, sonst hätte es sicher nur Anlieger und Personen die seltsames im Schilde führen in diese Gegend verschlagen. Zwischendurch aßen wir in der Stadt beim Chinesen in der Nähe des Bahnhofs und in der Nähe des Hotels der Kunzecrew.

Zum ersten Mal werde ich auch das Dresdner Kunzepublikum außerhalb der gediegenen Atmosphäre einer Semperoper erleben. Es soll ja legendär sein hier im Osten. Zumindest von den Leuten in Erfurt sagte Heinz in Bremen, dass er von diesen getragen wird wie es ein Teppich vermag. Laut Pressebericht und Aussagen von Augenzeugen im Gästebuch der Kunzeseite konnten das die Merzigerinnen und Merziger auch. Vom Publikum erwarte ich in der Tat hier etwas mehr, als die freudige Anständigkeit, die ich in Bremen wahrnehmen sollte.

In der Teeküche von der Boofe in Dresden: 14.05.2003 09:26:51


Rückenwind 3

Zunächst vorrausgeschickt einen herrlichen Dank an die Crew von Heinz Rudolf Kunze, die mal wieder für einen ausgewogenen und viel besseren Sound als im Aladin zu Bremen auch im renovierten Schlachthof gesorgt hat. Und „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne!“ – Motto von Heinz schwäbischen Kollegen Hermann Hesse.

Der gestrige Mittwoch war anstrengend, extrem eigentlich, aber am Ende hat es sich wieder extrem gelohnt. Zwischenzeitlich wurde Dresden für mich zu einem harten Pflasterwiderstand für Sehnen und Gebein. So sind wir doch gleich nach dem Frühstück schon mal zum Terrain checken zu dem Ort gegangen, wo Rückenwind 2003 nach der Flut in Dresden stattfinden sollte. Nach der „Wasser bis zum Hals Tour“ hier im April 2002 ein seltsam erfreuliches Schicksal für alle, auch und im besonderen die Beteiligten. Das Gelände vor dem Schlachthof, versehen mit vielen gelbschwarzen Schildern des Baumaschinenherstellers MVS, erinnert ein wenig an Kampnagel in Hamburg, aber doch unaufdringlich kulturintensiv. Von dort aus in die Stadt – Annette kaufte Filme nach, fotografierte den Canalettoblick, marschierte durch diverse Leinensack und Ledergeschäfte für die weibliche Einkaufsseele. Ich drückte mich derweil verstohlen vor unverspiegelten Schaufensterscheiben rum.

MVS in Dresden mit cooler Brille

MVS in Dresden vor dem Konzert

Zwischendurch einen Milchcafé in der Kunsthofpassage bei einem Spanier, der mir bereits letztes Jahr aufgefallen war. Die Passage mit dem „Klausi Beimer Blick“. Das Fernsehen suggerierte uns, dass die WG von Klausi und Philipp just diesen Blick auf diesen Hof in Dresden hat. Jedenfalls wurde dieser Ausblick für die „Lindenstraße“ vor einigen Jahren und ich glaube ein einziges Mal gefilmt. In Wahrheit werden die Innenaufnahmen auch für diese Wohnungseinheit allesamt in Köln gedreht.

Anschließend haben wir dann unsere Stammkneipe „Planwirtschaft“ aufgesucht, ein paar Kartoffeln und Nudeln verdrückt und unsere alte Bekanntschaft vom letzten Jahr, die Kathrin wieder getroffen. Das nette kurzhaarige Mädel. Dann früh zur Halle zurück.

Zwischenzeitlich aber hatte noch Jan Leo angerufen, als ich auf dem Scheißhaus saß. Er hat nicht wieder angerufen. Vor der Halle ohne Tourpass ausgestattet, aber auf der Gästeliste stehend mit einer Fotoerlaubnis für die ersten drei Lieder, wurden wir von einfachen, recht kräftigen Sachsen hinter ein sog. grünes Tor gebeten. Gut, Heinz und seine Jungs hatten wir dennoch gesehen und begrüßt und die wollten sich um die Richtigkeit der Gästeliste kümmern. So standen wir also doch erst einmal unter den anderen Fans und es regnete nicht. Immer wieder drohten uns die Flutwolken. Claudia und Tobias, die Hardcorefans mit dem Autokennzeichen HP, welche fast die ganze Tour begleiten, waren mittlerweile auch eingetroffen. Diese beiden Camper hatten keine „Wunderkinder“, also Fanclubleute oder andere bekannte Gesichter mitgebracht. Trotz vieler Gruß – SMS seitens Annette an Freund und Webmaster Gerald Erdmann, war dieser terminlich eingedeckt und wahrte die Stellung in Berlin. So treffen wir ihn erst heute – nachher quasi.

Dann öffneten sich doch die Schleusen, Tourmanager Gerrit gab mir freundlich grüßend einen Gästestempel auf die Hand (Schade nicht als Andenken zu behalten – und von einer Amputation möchte ich dann doch absehen). Annette erhielt einen anständigen Fotoaufkleber. Wir dann doch froh und in der ersten Reihe, immer wieder diese obligatorische Gästelistenangst. Nur einmal im Fotografengraben durfte Annette nicht wieder in die Mitte direkt vor Heinz sein Mikro zurück. Sehr schwierige Securitycrew war das, außerordentlich schwierig. Gut, heute erleben wir wieder ein Konzert - gemeinsam.

Die alten geschlachten Dresdner heizten mit der Zeit ordentlich ein, aber diese Zeit brauchten sie. Immerhin, Heinz und die Band waren keinen Deut schlecht drauf, besonders Jörg Sander, der Gitarren und Lautenschläger kam erheblich besser zur Geltung als in Bremen. Entscheidend dafür die Hoffierung von Fans und Chef Heinz. Eine wahre Wandlung zum Spiel vor zwei Wochen. Nach zweieinhalb bis drei Stunden wieder einmal Schluss, alle hatten viel gegeben und wir gönnten uns als Tagesabsacker drei Biere am Tresen in der „Planwirtschaft“ bei Kathrin.

Draußen wieder diese vielsagenden Schatten, ein Sonnenstrahl wirft Hoffnung auf lukullische Wolkenformen, dann im Himmel über Berlin und insbesondere über der Columbiahalle.

Um 14 Uhr fährt die Bahn nach Berlin im Bahnhof Neustadt ab.

Im Hostelzimmer der Boofe in Dresden: 15.05.2003 09:37:35

 

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