Jonathan und die Pornografie (Leseprobe)



Jonathan und die Pornografie

(Leseprobe 2003 - Worpswedeversion 2003)

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„Bei solchen Filmen mit solchen Bildern hab ich immer den Ton abgestellt und laut Musik gehört, denn mich haben die versteckten Inhalte nicht wirklich interessiert. Vielleicht ist mir dadurch auch das Lehrreiche daran schon in einem frühen Stadium entgangen. Das wäre natürlich schade. Aber wofür habe ich schließlich Käthe!? Sie gräbt in verschwommener Tiefe, als ich sie frage, wann so ein Film auch einer Frau gefällt.

„Wenn er erotisch ist evtl.?“

„Ja erotisch, ich glaube, das ist gut!“ sagt Käthe. Das so ein Film erotisch ist, ist mir neu und ich widme mich sorgfältig der zensierten Hülle, auf der Sternchen über Bärchen, rasierte Öffnungen und erregierte Penisse wie Cheerleaderpuschel leuchten. Auf dem Cover prangt neben einem prallen Busen das Emblem: „Besonders wertvoll“ und das Siegel: „Ästhetische Pornografie“. Jau, genau, ästhetisch ist auch wichtig, damit es eine gute und für Frauen anregende Ferkelei ist. Der Titel dagegen macht skeptisch: „Glückliche Frauen in der Praxis von Dr. F. Otze.“ Auf der Rückseite der Videohülle beschreibt eine gewisse Karin Itzler, warum das vorliegende Werk ein Meilenstein der Filmgeschichte ist und zwar im Fachgebiet „Frauen entdecken ihre Sexualität neu!“

Ich muss natürlich bei all dem berücksichtigen, dass derartige Produkte für den Käufer mit der Pflege eines sehr speziellen Humors versehen sind, der sich einem unprofessionellen und nicht fanatischen Konsumenten so einfach nicht öffnet. Käthe nickt mit dem Lockenhaupt, als ich eingestehe, dass ich mich für die entsprechende Sensibilität kopfmäßig noch freimachen muss.

Als Käthe leicht bekleidet die Kassette einlegt, merke ich an ihrer Miene, dass mit einer Frau beim betrachten solcher Filme keine Witze zu machen sind.

In der gynäkologischen Praxis des besagten Doktors F. Otze betritt eine junge Dame das Arztzimmer und wird von diesem Gynäkologen mit der natürlich rhetorischen Frage konfrontiert: „Was kann ich für sie tun?“ Es wird also gleich ein gewisser Stil deutlich und als mich dabei Käthe wahrscheinlich vielsagend anschaut habe ich verstanden, wie sie es meint, was diesen Film für Frauen von einem Film für Männer unterscheidet. Ich hätte damals wohl doch den Ton anlassen sollen um nun diesen gewissen Unterschied ernsthaft beurteilen zu können.

Natürlich möchte sich der Herr Doktor wohlwollend dem Lendenfilet der Dame widmen. Er wird dabei offenmundig von einer leicht bebrillten Sprechstundenhilfe mit einem beeindruckenden Gefühl für ihren Terminplaner unterstützt. Der Doktor ist also ein guter Mensch, eine positive Figur, die im Verlaufe des Films stoßweise und gertenschlank Komplimente für die Damen übrig hat. Zwischenzeitlich sieht mensch ihn durch den Wald joggen, dabei jungen Kundinnen begegnend, die ihm blondmähnig und fröhlich zuwinken mit den Worten: „Hallo Doktorchen! (zwinker)“

Anschließend fühlt besagter sich wieder besonders fit und gut und macht sich ein Frühstück samt frisch gepresster Orangen. Die Damen pflegen sich daheim mit einem neuartigen Hairstyler und lutschen auffällig lange an Lippenstiften in glänzendem rosa mit vielfältigem Fruchtgeschmack. Der Film ist eine Landschaft der Lehre, beinhaltet Bild, sowie auch Sprache, mitunter in ganzen Sätzen. Besonders geschwätzig macht sich die Gehilfin von Otze, die Sprechstundenhilfe Tina Itte aus, die während ihrer Erklärungen über die Frauensexualität, die neu entdeckte wohlbemerkt, von Otze in Persona leiblich, wie auch sprachlich unterstützt wird. Diese Gespräche münden meistens in einem Sammelbecken unbekleideter Körper, die sich ganz offenbar in der Praxis des athletischen Gynäkologen sehr wohl befinden, auch wenn ihre überraschende vielfache Anwesenheit nach einem Schlüssel der Logik sucht. Männliches Fensterputzpersonal, weibliches Bodenputzpersonal, wie auch der unverhofft eintretende UPS Bote sind enorm begeistert und talentiert an dem Pool beteiligt.

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