Die grosse Aller-Donau-Elbe-Show

(Insel 3 Flüsse Lesung September 2005)

Es gibt so Veranstaltungen mit gewisser Vorfreude, mit kleiner und größerer und dann solche, deren Planungsideen in den Köpfen der Protagonisten schon lange vorherrschen. Eine Lesung mit Jottbe und Wolf und Gang zu machen, da habe ich mich schon lange drauf gefreut. Da die Insel sich bereits für zwei text-fuer-text-Veranstaltungen als geeignetes Ambiente gezeigt hat - war auch bei der Lesung mit dem Mann aus Celle und dem Wolf aus Wien - diese spezielle Insel im Eppendorfer Weg zu Hamburg die geeignete Location. „Drei Flüsse“ haben wir das ganze genannt – Erfahrungshorizonte zwischen der großen Donau, der sich aalenden Elbe und dem Weserzufluss Aller.

Am Freitagmorgen, den 23.9.2005 beginnt der Tag früh. Der Bahnhof Dammtor bietet das Licht einer aufgehenden, aufstehenden Stadt – bereit für Gäste, die literarische Wasserwegverzweigungen erwarten und diesen beiwohnen wollen. Um acht in der früh ist der Wolfgang da. Wie immer kommt er mit dem nicht ganz neuen Wiener Nachtzug, natürlich mit Gitarre und Textmilieu. Einen Kaffee im Bahnhof gibt es – ein Gespräch über Entwicklungen der Zeit, auch über die nicht virtuelle Welt. Immerhin hat der Wolf eine lange Weile in Cali / Kolumbien verbracht und will da auch unbedingt wieder hin. Zwischen dem Weltenbummler und mir bleibt außer Verständnis, nur die Erkenntnis, dass zu Schreiben überall geht und Elek...tra mit dem Zug zu erwarten ist. Kurz vor halb zehn treffen wir sie nach kurzfristigem Verfehlen, wie es in der Neuzeit der Bahnhofsgebäude üblich ist, vor dem Eingang einer verbreiteten Fastfoodkette. Dafür ist die Begrüßung umso herzlicher. Ich biete beiden Einblicke ins Hamburger U-Bahn Netz. Madonna, die ihre Wohnung als zentralen Sammelplatz für den Tag zur Verfügung stellt, wird per Handy informiert, dass wir auf dem Weg sind. Eigentlich wollen wir auf dem berühmten Isemarkt ja noch den Möhre treffen, ihn an seinem Stand besuchen, aber der ist wider erwartend gar nicht da. Leider pausiert der, aber Wolf und Elek...tra finden den Markt trotzdem gut. Der Wiener Freund hat besonders etwas für die U-Bahnbrückenarchitektur über ihm übrig. Ich verstehe so was und schon ist Madonna da. Die wollte auch zum Möhre, gar einkaufen, so bleibt uns nur der Weg in ihre heimatlichen Hallen, aber mit einem opulenten Frühstück. Heinz begrüßt uns, wie immer, wenn sich die Gäste um die literarischen Forenwelten bei Madonna treffen.

Fotos: MVS

Wir schmieden Pläne für den Tagesablauf, doch die Zeit vergeht und schon bald muss ich zum Hauptbahnhof eilen, um die Anna abzuholen. Hin und wieder halte ich Blumen und einen Mantel von ihr – na immerhin oder? Aber ich gebe sie wohlbehalten bei Madonna ab. Kaffee, Nudelsalat und Terrassengespräche folgen, da packe ich mir den Wolf um mit ihm auf Fluss drei – den Celler zu treffen. Wolf stimmt noch seine Gitarre auf die hanseatische Luft ein. Dann geht’s los und das Wetter bleibt weiterhin wunderbar. Die Stadt atmet. Gerade kriegen wie noch die Ankunft von Feldulme und Judith mit. Sehr kurzes, aber intensiv gefühltes „Hallo“. Um halb fünf Uhr nachmittags den Jörg (Jottbe aus Celle) gefunden und die große Vereinigung des Projektes ist vollzogen. Zu dritt geht’s in den Eppendorfer Weg, aber nicht gleich auf die Insel um dort Flussbiegungen zu vollziehen, sondern in die Eppendorfer Grillstation, eben auch um Jörgs großer Verehrung für Dittsche, der dort fürs Fernsehen gedreht wird, gerecht zu werden. In der Tat nehmen wir ganz entspannt Platz - drei Biere - allerdings Serviettenbiere sind es nur in der Phantasie, auch wenn wir das gerne anders hätten. Stimmung und Aufregung steigen, vor allem auch bei dem Jörg, der ja als erster performen muss und darauf besteht im Stehen zu arbeiten. Klar – wir haben ja auch ein Stehpult zur Verfügung. So kurz nach sechs treffen wir auf der Insel ein und werden freundlichst von Annegret und Rüdiger empfangen. Bei der Gelegenheit hat sich auch SZ, die schon in Hamburg weilte, dazugesellt. Schönes kleines Treffen im Vorfeld, sehr lieb das, dennoch dränge ich Rüdiger dazu nicht zu vergessen von der SZ das Eintrittsgeld zu kassieren, weil, das Geld ist ja quasi für einen guten Zweck – für das Projekt Stadthof von Insel e.V.

Jörg und ich richten uns das Stehpult, denn ich mache ja dann vom Stehpult aus die sog. literarische Moderation. Die Scharen strömen allmählich, der Jörg ist begeistert von unserer Künstlergarderobe. Auch ansonsten nutzt er den Backstagebereich um Lampenfieberkilometer abzulaufen. Annegret, die selbst wegen ihrer Ankündigungen vor der Lesung aufgeregt ist, sucht den Jörg zu beruhigen.

Alle Freunde sind bald da, dies gibt freilich Sicherheit. Aus dem Forum die Leute, die Madonna und ihr Mann Heinz mitbringen: Angelika mit Mann, Anna, Elek...tra und Ulme mit Freundin. Julisaphin kommt aus Lüneburg und sucht zunächst auch den Dittschegrill auf. Die Paula aus Hamburg kommt mit Freundin, wir kannten sie bisher nicht von Angesicht und freilich der wieder aufgetauchte Möhre ist da. SZ hat drei Freunde mitgebracht. Im Publikum dazu das eine oder andere unbekannte Gesicht. Eine alte Netzfreundin von Madonna und Jörg ist auch erschienen: eulalie, die wir kennen lernen dürfen. Meine Frau ist ja auch da und so ist es wohl an der Zeit und 19 Uhr 30 die Türen zu schließen - da sie es nicht selbsttätig tun - und zu beginnen.

Nach Annegrets Einführungsworten über Sinn und Zweck von Insel e.V. bin nun ich als literarischer Moderator gefordert. Ich nehme das Stehpult ein und versuche Jörg den Weg zu diesem Pult und seinen Texten zwischen Aller und Joggingpfad zu bahnen. Dabei sind ein paar Erklärungen über den Fluss und die Stadt Celle vonnöten:


Fotos: Madonna

Das Motto „Drei Flüsse“ bezieht sich also auf den Wohnort unserer beiden Autoren und auf den des Moderators – also auf meinen. Die drei Flüsse heißen Donau, Elbe und Aller. Donau und Elbe gehören zu den längsten Flüssen Europas. Die Aller ist hingehen 263 Kilometer lang – ziemlich beeindruckend finde ich. Sie ist der wasserreichste Zufluss der Weser. Das Gefälle von den Quellen zur Mündung beträgt ca. 120 m (130 m ü. NN an den Quellen / 10 m ü. NN Mündung). Ihr Einzugsgebiet umfasst rund 15.600 km©˜. Und sie führt durch Celle. Celle ist zwar eine große selbständige Stadt und Kreisstadt des Landkreises Celle in Niedersachsen, Deutschland mit 71.500 Einwohnern. Außerdem leben in Celle eine große Zahl von kurdischen Yeziden, an den Grenzen der Stadt auch Briten. Aber ich persönlich muss sagen, habe mit der Zelle immer den Ursprung des Lebens verbunden und nicht die Stadt. Am besten drückte das Heinz Erhardt aus: Das Leben beginnt in allen Fällen in einer Zelle, doch manchmal endets auch bei Strolchen in einer solchen.

...

Ein großer Teil jugendsprachlicher Ausdrücke sind Neologismen (Wortneuschöpfungen) - wie zum Beispiel: alken, (= sich hemmungslos betrinken). Manche Wörter werden leicht verändert: aus "vorgestern" wird vordergestern, aus "einsam" wird alleinsam und aus "Konzert" Konzi. In diesem Kontext wird oft das männliche, bei Mädchen auch das weibliche Gegenüber als Aller bezeichnet. Zum Beispiel: „Reiß dich mal n bisschen zusammen Aller!“

Aus diesem Grund hatten wir anfänglich ein wenig bedenken „Aller“ auf das Plakat zu schreiben, denn das klingt zwar jugendnah, aber für eine Literaturveranstaltung doch eher trashig. Auf der anderen Seite wusste ich, dass Jörg kommen würde und konnte dafür grade stehen.

Die Aller ist also ein ernsthafter Fluss, so seine 263 Kilometer lang und Jörg ist hier. Das ist schön.

Ich freu mich mit euch auf Jörg Borgerding: hau rein!



Jörg steht, legt los und verwandelt das Stehpult in seine Bühne. Schnell erreicht er – sonst eher wie er selbst sagt ein stiller Typ – mit Ausrufen und menschlichen Ergüssen das Publikum, aber immer ohne moralisches Ausrufezeichen. Ein Höhepunkt ist die Kooperation mit Wolfgang, der zwischenzeitlich aufsteht und das Gedicht „Der Lachs“ von Jörg Borgerding als wienerischer Hammerhai unterstützt:

s’is‘
kein Einzelfall in meiner Praxis!
Am besten hilft stets die Natur.
Ich schick dich zur Warmwasserkur!
Schwimm in die Elbe, bis nach Meißen.
Erhol dich dort in jenen heißen
Quellen, die aus Röhren fließen.
Pharmaunternehmen schießen
dort warmes Wasser in die Elbe!
Erschrick nicht, siehst du grüne, gelbe,
auch rote, blaue Farbe drin!
Das ist gesund, denn Medizin
ist’s, was man dort am Flusse macht.
Und du wirst sehen, schon nach acht,
vielleicht sogar nach sieben Tagen,
wird dich dein Brustweh nicht mehr plagen!“



Am Ende bekommt der Jörg den Applaus, der ihm zusteht. In der Pause gibt es Brötchen, Gespräche – kurze Intermezzi auch am Stehtisch vor der Insel. Punkt 21 Uhr geht es weiter.

Nach ein paar lustigen und ernst gemeinten Veranstaltungshinweisen stelle ich den Wolfgang vor, den Mann der mit und ohne Gitarre, zwischen Spanisch, Deutsch und Ursprache spricht, singt und heult:


Meine Netzfreundschaft und mittlerweile auch unvirtuelle Brüderlichkeit zum Wolf aus Wien gibt es jetzt schon ein paar Jahre. Der Wolf ist in mehreren Landstrichen zu finden, manchmal sogar in Cali Kolumbien, wo er neuerdings eine gute Zeit im Jahr verbringt. Sonst sieht man ihn stellenweise am Ufer der Donau. Durchschwimmen wird er sie eher selten. Und um diesem dritten Fluss des Abends zu entgehen, verlässt er manchmal den Wiener Hochnebel um den Hamburger Regen zu besuchen. Er hat viele Titel und Referenzen, schreibt Bücher auf Deutsch (also wienerisch) und Spanisch und ist sogar ein Generalsekretär, nämlich des österreichischen Schriftstellerverbandes. Bei der Gelegenheit muss ich darauf aufmerksam machen, dass einer der in Wien nichts ist, wenigstens ein Doktor ist. Das hätte ich jetzt versuchen können Wienerisch auszusprechen, aber aufgrund der anschließenden Performance von Wolfgang Ratz spare ich mir das.

...

Da er auch ein Netzspezi (so sagt man wohl in Wien) des Jörg aus Celle mit dem Fluss von 263 Kilometern ist, haben wir zum Anlass des heutigen Abends die beiden zusammengebracht.

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Ich freu mich irrsinnig, dass Du heute Abend hier bist: Viel Spaß mit Wolfgang Ratz.

Fotos: MVS
Der Wolf setzt sich mit der Gitarre und feinen Worten, spricht und singt und bestätigt mir den Generalsekretär nicht mehr. Eine gewisse Distanz zu Vereinen ist durchaus rauszuhören. Seine Mischung trifft das Publikum, sie ist aus alten und neuen Material zusammengesetzt, enthält deutsche, kolumbianische und wienerische Erfahrungen. Gefühl, Schmäh und Liebe und Gesang zum Saiteninstrument.

Zum Schluss gibt’s Blumen für uns drei von Annegret und Rüdiger und etwas unbeholfen stellen wir uns noch einmal dem Publikum – lächelnd. Professionell beendet Wolfgang den künstlerischen Teil des Abends mit „Grazias!“

Der muss dann noch Bücher unterzeichnen, wird umgarnt von Verehrerinnen seiner Kunst. Dann Aufbruch in die „Factory“, einem einfachen Speiselokal in der Nähe, in dem wir so ca. 23 Leute unterbringen. Es wird ein runder Ausklang.

Mit Jörg aus Celle und Wolf aus Wien und auch einigen anderen Gästen. Das immer wieder gerne.


25. September 2005

Auch als Kolumne hier zu lesen

 

 

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