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Vor der Vernissage - Sonne wieder einmal auf der Insel in Hoheluft
Am 21. Mai 2005 gegen 11 Uhr Vormittags ist es dann soweit. ‚Die Kunst der Radierung’ hat Wilfred Krüger seine Ausstellung genannt. So wie einst schon in Itzehoe und anderswo. Der Radierer, der auch mein Vater ist, ist sehr angetan auf der Insel in Hoheluft einen Ort für seine Bilder zu finden, nach vielen Jahren ohne Öffentlichkeit. Mein erster Auftritt auf der Insel mit Manfred Stock war ein schöner Erfolg, so biete ich mich an lesend die Vernissage zu ergänzen, bzw. eine Diaerklärung über die Herstellung der Radierung zu begleiten. Dias sind meines Vaters alte Leidenschaft, neben der Radierung, den Alpen und der Geschichte versteht sich. So bin ich durchaus angetan im Zeitalter der digitalen Spots zum Ventilator eines Projektors zu lesen, so wie früher, als im heimischen Wohnzimmer im Hintergrund noch unvermeidlich Beethoven zu hören war.
Mein Vater malt ein Plakat auf dem er mich als Laudator ausweist. Dieser Begriff nimmt starken Einfluss auf meinen Text. Eines Laudators würdig zu sein, ist quasi Druck. Am Morgen ist Regen, wüstes Wetter und mein Ohr vor Stress zugeklappt. Auf der Insel aber herrscht der bekannte Sonnenschein vom letzten Mal, Annegrets Organisationstalent und Rüdigers durchdringendes Lächeln. Die ersten Gäste kommen, einschließlich Madonna, deren Treue mich wieder einmal sehr froh macht. Es wird geplauscht, in sich hinein gelacht und Frank betont besonders die Harmonie. Obwohl mir warm ist in meiner ewig blauen Lesestrickjacke, kann ich nun lässig neben den Einführungsworten Annegrets stehen. Sie beginnen an einem geilen Stehpult, was mich von seiner ersten Sichtbarkeit anmacht. Ich begebe mich dahin und beginne meine Laudatio zu meines Vaters Diaschau anno 2005 und ohne Beethoven. Die Leute lauschen artig, kommen lustvoll dazu und die improvisierte Schau mit meines Vaters Einsätzen führt zu einem gelungenen Dialog. Ja, beinahe meine ich, die Abstimmungsfehler sind geplant, denn wenn ein Bild aus dem 19. Jahrhundert zum Thema Renaissance erscheint, trifft das durchaus meinen Kunsthumor. Im folgenden nun meine Dialaudatio in Ausschnitten:
Die Kunst der Radierung
Wir befinden uns auf einer Insel inmitten der Medienstadt Hamburg, eröffnen eine Ausstellung mit grafischen Arbeiten des Künstlers Wilfred Krüger und während wir mit Gläsern anstoßen, feiern wir auch ein bisschen die Grundlagen der heutigen Informationsgesellschaft.
Das alles hat ja mal ganz bescheiden, wenig massenmedial, aber dafür umso kunstvoller begonnen. Zur Verbreitung von Wissen und Information wurde die Buchdruckerkunst erfunden. Geschichtliche Ereignisse konnten reproduzierbar festgehalten werden, auch Literatur, Religion und Wissenschaft hat sich technischer Mittel bedient, sobald sie zur Verfügung standen ...
Die Radierung mit ihren umfangreichen Möglichkeiten war eine dieser Techniken: Die Kaltnadelradierung, die Punktiermanier, Vernis mou (das ist die Weichgrundätzung mit wachsweichem Säureschutz, wahrscheinlich von Dietrich Meyer 1620 zum ersten Mal verwendet), und Aquatina (dazu kommen wir später). Die Radierung ist also eine eigenständige Kunst. Man bediente sich über die Städtebilder hinaus immer eindrucksvoller ihrer Alltagsszenerien (wurde also journalistischer), gab sich aber dennoch des weiteren der Schönheit hin. Das prächtig klingende Wort „Glorifizierung“ passt hier. Der Stahlstich und die Lithografie (v. altgriech.: lithos = Stein + graphein = schreiben) fanden neben dem Kupferstich und der Radierung Anwendung um Türme, Baudenkmäler, Kirchen und Standbilder darzustellen, aber auch um mit reichen Staffagen und Reiterbildern, menschlichen Porträts und reich verzierten Kutschen zu glänzen.
Goethes Zeitgenossen wurden angesichts dieser Bildervielfalt auf die Straßen der damaligen Welt gelockt. Endlose, staubige Pfade waren das. Die Neugier auf die dargestellten Weltwunder wuchs.
Ja es begann Reiselust, der Tourismus trat auf den Plan. Er nahm zu, als die Wasserwege durch Dampfschiffe befahren werden konnten und Pferd und Kutsche auf dem erwähnten Straßenstaub zunehmend durch die Eisenbahn abgelöst wurde, welche grade und eiserne Pfade nutzte – wie der Indianer sagen würde ...
Ich komme nun nicht umhin, den großen Rembrandt ins Spiel zu bringen. Als Sohn des hier ausstellenden Grafikers Wilfred Krüger habe ich über Rembrandt eine Menge erfahren. Ein Vater, der Rembrandt als den Befreier von den üblichen Illustrationsformen in der Bildgestaltung beim Kupferstich und Holzstich kennt, spricht viel über Rembrandt. Dafür ist recht wenig bei mir hängen geblieben. Da dies nicht so bleiben darf noch ein bis zwei weitere Worte zu diesem Rembrandt.
Rembrandt wurde 1606 in Leiden geboren und starb im Jahre 1669 in Amsterdam. Er wird als der wichtigste niederländische Maler des 17. Jahrhunderts angesehen. Neben der Malerei widmete sich Rembrandt auch der Radierung und der Zeichnung. Alle drei Medien beherrschte er bis ins Alter mit einer bewundernswerten Perfektion.
Rembrandt befreite also mit der Radierkunst die Linie von ihrer Gebundenheit, wie sie noch bei den recht statischen Stichen verbindlich war. Seine revolutionäre Pinselschrift bei seinen Gemälden setzte er auch beim zeichnen ein, Zeichnungen direkt auf die Radierplatte mit der sog. Kaltnadel und dem Grabstichel. Die Kunstgeschichte sieht ihn daher als einen der herausragenden Zeichner und Radierer überhaupt.
Die heutigen Arbeiten, welche an den Wänden und in den ausgelegten Mappen zu betrachten sind, stammen also von meinem Vater. Für diese kleinen Vortrag hat er den Begriff Laudatio vorgesehen, den ich auch gerne aufgreife, aber nicht ohne ihn zu erklären:
Eine Laudatio (v. lat.: laudare = loben, preisen) ist eine Lobrede zu Ehren einer Person, meist eines Preisträgers. Sie wird vom sogenannten Laudator vorgetragen, der meist eine prominente Person aus dem öffentlichen Leben ist.
Anlass für eine Laudatio kann auch die Verleihung einer Ehrendorktorwürde oder ein Jubiläum sein.
In diesem Sinne möchte ich also verfahren. Der Künstler heißt also Wilfred Krüger und bedient den Diaprojektor. Er ist Grafiker, Zeichner und Restaurator und wurde 1925 in Dessau geboren.
Seine schon früh entdeckte Begabung zum Zeichnen und Gestalten führte ihn zum Grafikstudium an der Dessauer Kunstgewerbeschule. Gemälderestauration, Anatomie und Aktstudien mit dem Berliner Maler Fritz Laube in Frankreich, genau in Hagenau und Straßburg waren die Schwerpunkte seiner weiteren Studienjahre. Seit den 80ern beschäftigt er sich vorwiegend mit der detailreichen Ausarbeitung von Radiertechniken. Die Aquatintamanier hat es ihm besonders angetan. Die Stadteansicht ist hier ein herausragendes Thema. Das herausragende Thema für diese Ausstellung.
Bevor wir also zu einem technischen Ablauf in Bildern kommen, möchte der Laudator eine Brücke schlagen zwischen dem Hamburg des Radierers Wilfred Krüger und dem seines Sohnes Matthias von Schramm. Die Liebe für diese Stadt zeigt sich, wie ich finde, in den schönen Ansichten von Wilfred Krüger. Ein Hamburg mit seinen wunderbaren Gebäuden, wie es sich um 1900 darstellte. Diesem Hamburg kann auch ich noch heute manch liebevolles Detail abgewinnen.
Für diesen heutigen Tag hat mein Vater in Kunstliteratur, Kunstbüchern und mit seinem eigenen großen Wissen über die Kunst der Radierung recherchiert. Ich, etwa vierzig Jahre jünger, habe das Internet mit Google und Wikipedia genutzt. So hat man auf einem Blick Informationen über Rembrandt und Laudatoren, die man dann folglich lässig verbreiten kann. Die anfänglich erwähnte Informationsgesellschaft hat sich also geändert. Dennoch mag ich auch heute noch über meine Stadt sehr gerne kleine schriftliche Skizzen anfertigen, wie die folgende, welche mir am diesjährigen Muttertag einfiel und auch einen kleinen Hinweis auf Hamburger Wetterverhältnisse und Vorurteile gibt.
Regen zwischen Barmbek und Elbgaustraße
Straßenbäche in der grau gewordenen Stadt. Gischt und S-Bahnrauschen statt polyphone Klingeltöne. Die alternde Turnschuhgeneration von unten durchweicht. Tropfender Regen vom Blumenpapier auf die Zehenspitzen. Hinter mir Hackenschuhklackern durch Pfützen. Ein Museumszug rauscht durch dichte schräge Schauer mit wildbewegten Scheibenwischern am holzverkleideten Führerhaus. Ein Schaffner in einem historischen Kostüm verkauft Fahrkarten für seinen guten Zweck. Er entleert seine Uniformmütze von angesammelter Stadtfeuchtigkeit. Ein nasser Pfiff. Der Zug zuckelt weiter, am Museum für Arbeit vorbei. Unterm Bahnsteig riecht es nach warmen Brezen und kalter Bratwurst. Meine Bahn kommt endlich. Jugendliche bewerfen sich mit Papierkügelchen. Die Mädchen riechen stark, wirken zurecht gemacht und onduliert. Die Knaben sitzen unpassend eingezwängt in ihren Konfirmandenanzügen und als Prinzenkronen leicht blondierte Spitzen. Wasser - keine Sonne – dunkle Stadt. Ein Fingerherz verläuft auf der Scheibe: Josef und Anika. Ein durchnässter Schäferhund stinkt.
Am Hauptbahnhof steigen die Touristenfamilien zu, die laut schwäbisch, sächsisch und bayerisch austauschend auf dem Übersichtsplan die Landungsbrücken suchen. Sie wollen Schiffchen sehen, die in der Wasserwand nach Meer und Öl duften. Ich schweige hungrig, mich nur Mutters Festtagsbraten entgegen sehnend. Erst Holstenstraße merken die Familien, dass sie in der falschen Bahn sind.
Durchsagen über Haltesignale, Unwetter und umstürzende Bäume nerven, besonders wenn der Zug auf freier Strecke steht. Die Heizung wird automatisch überlaut aufgedreht. Der Schäferhund bellt, ein Mädchen schimpft, der Hund beißt ihr ins Kleid. Die Knaben lachen, Papierkügelchen fliegen. Es geht wieder zügig voran.
Elbgaustraße: der Zug wird ausgesetzt. Sonnenschein und der Bus ist weg. Ein Griff zum Handy: „Hallo Mama, alles Gute zum Muttertag. Ich hab den Bus verpasst und komme später!“
8. Mai 2005
Nach dieser Brücke zwischen damals und heute sei erwähnt, dass eine umfassende Erklärung der Möglichkeiten – der Vielfalt der Radiertechniken den Rahmen sprengen würde. Bereits ein guter Freund sagte immer zu mir: Wenn du vom Bilde sprichst, bleibe im Rahmen! ...
Ich wünsche nun viel Spaß beim betrachten der Exponate und wie bei Vernissagen üblich, dürfen mit und ohne Sektglas in der Hand Fragen an den Künstler gestellt werden.
15. Mai 2005

Foto: Madonna - Dialaudatio
Der folgende Applaus ist warm, wie die Worte die da sind. Ob von der Seite der Künstler, oder der Gäste. Auf eine Insel, inmitten dieser Stadt kehre ich so immer wieder gerne zurück. Das nächste Projekt, eine Lesung über deren Inhalt ich noch berichten werde, ist dort im September geplant.
21. Mai 2005
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